Ivan Hristov - "Bdin"


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"Bdin"

Publisher "Janet-45", Plovdiv, 2004

Inhalt
 
Bdin
Bdin І
Bdin II
Bdin III
Bdin ІV
Bdin V
Bdin - Müllhalde 1
Bdin – Der Park
Bdin VІ
Bdin – Müllhalde 2
Bdin – Der Balkon
Bdin VIІ
Bdin – Geschichte des Lautes
Bdin VІІІ
Bdin ІХ
Bdin X
Bdin XІ
Bdin XІІ
Bdin – Volkslied I
Bdin – Bananenrepublik
Bdin XІІІ
Bdin XІV
Bdin – Volkslied II
Bdin XV
Bdin ХVІ
Bdin - Die Bibliothek
Bdin ХVІІ
     Bdin ХVІІІ
Bdin – Volkslied III
Bdin ХІХ

Bdin *

 
Bdin *

Liebe Mama,
ich bin gestorben,
aber ich ging nicht ins Paradies,
sondern ich gelangte nach Bdin.
Der Briefträger
auf seiner rostigen "Ukraina"
kommt oft vorbei,
so dass du entgegen allen Gesetzen
von mir
Nachricht erhalten wirst.
Ehrlich gesagt,
bin ich auch hier nicht weit gekommen,
weil ich keine Sprachen kann.
Ich blieb Dichter.
Aber Dichter inmitten von Stummen
ist genauso als wäre man Totengräber
im Jenseits.
(Übrigens
sah ich das Grab von Levski und Botev.)
Meine Altersgefährten
sind schon längst Klassiker geworden,
doch ich knacke Sonnenblumenkerne
am Rande des Kanons.
Sonst hüte ich die Schafe des Zaren
und verdiene so meinen Lebensunterhalt.
Ich begegnete zwei Arten von Leuten.
Die einen sagten:
"Hier entlang wird das Beet verlaufen!"
Die anderen sagten:
"Dort entlang wird das Beet verlaufen!"
Ich war gespalten,
setzte mich in der Mitte hin.
Auf mich
ergoss sich das Wasser.
So wie früher
habe ich keine Freunde.
Allein gehe ich am Ufer des Flusses entlang.
Ich schaue flussaufwärts,
warte, dass er
entweder eine Kommode,
ein Ewiges Licht
oder mir ein Nest zum Bauen mitbringt,
oder dass ich einer Frau begegne,
die ich liebe
 

* Bdin: alter Name der an der Donau gelegenen Stadt Vidin im Nordwesten Bulgariens
** Ukraina: eine ehemalige sowjetische Fahrradmarke
*** Levski: Vasil Levski (1837-1873), Revolutionär im Kampf gegen die osmanische Fremdherrschaft, trug den Beinamen "Apostel der Freiheit", er wurde 1873 am Stadtrand von Sofia gehängt. Botev: Christo Botev (1848-1876), Revolutionär und Dichter, verfasste u. a. das Gedicht "Die Erhängung des Vasil Levski". Im Mai 1876 kaperte er gemeinsam mit anderen Freischärlern in Rumänien den österreichischen Donaudampfer "Radetzky" und zwang den Kapitän, nach Bulgarien überzusetzen. Am 2. Juni fiel er im Kampf.
Es ist unbekannt, wo die beiden begraben sind, was zur Mythenbildung beitrug und auch immer wieder Anlass zur Suche nach den Gräbern dieser beiden Revolutionäre bot.

 
Bdin І

Einst am Fluss allein
konnt' beim Gehen
plötzlich einen Stein
ich im Grase sehen.
Die runde Brille ab ich da nahm,
gebückt ich las, heraus ich bekam:

"Nun, es liegt ein Dichter hier,
talentiert für vier.
Christov hieß mit Namen er,
jeder liebt' ihn, Damen sehr.
Er die Zeiten mischt und wechselt,
teilt sie gleichsam mit dem Dechsel.
Auf dem Sprachbalkan ein Berg von Range
ist für seiner Lyra Klange.

Musen um ihn jede Menge,
klein der Poesie Ertrage.
Wenn du anschaust ihn gestrenge,
wirst du 'schade' sagen!
Kritiker, oh, wohlgeboren,
sieh die Gabe, angeboren,
einzigartig er war
in Stil und in Geist,
zum Unglück doch
nach Bdin ist gereist."


 
Bdin ІІ

Fahre fort zu träumen,
meine Liebe...
Fahre fort zu träumen...
Ich werde deine Lider
                                                mit den Handflächen
                                                vor den Lichtstrahlen schützen
Fahre fort zu träumen,
meine Liebe...
Fahre fort zu träumen...
Schau, wie der Fluss
              und die Stadt
              lächeln
Fahre fort zu träumen,
meine Liebe...
Fahre fort zu träumen...
Nur im Traum sind wir rein
                                               und gut
                                               und wahrhaftig
Fahre fort zu träumen,
meine Liebe...
Fahre fort zu träumen...
Nur in deinem Traum
                                               werde ich für eine winzige Zeit
                                               wieder lebendig


 
Bdin ІІІ

Lieber Papa,
ich glaube, dass du
im Paradies bist,
und so
bitte ich dich,
wenn du mich von oben siehst,
zünde
in der Paradieskirche
eine Kerze für mich an,
denn hier bei uns unten
haben die einen die Kirchen
abgerissen
und
die anderen die Seelen
getötet

 
Bdin ІV

Der Fluss
	Er fließt
	und reißt
	unsere Wände,
		Dämme,
		Brücken
		und Staumauern mit sich.
		Der Fluss.
	        Er zerstört
	und ruiniert
	unsere Gebäude,
Kirchen,
Büsten
und Postamente.
Der Fluss.
	        Er schleppt
	        und löscht
		unsere
		Familienporträts,
		Stammbäume,
		 privaten Reliquien aus.
		          Der Fluss.
	       Er öffnet
	       und erweckt
Pantheone,
Museen,
Mausoleen
und Grüfte zum Leben,

		aber unsere
		lebendigen Körper
		sperrt er
		in schwüle
		Kajüten.
		Und unsere Schiffe
		sinken,
		und wir schreien,
		aber unsere Kehlen
		füllen sich mit Wasser
		und es verstummt
		am Grunde
		unsere S t i m m e...

		Oh, d e r F l u s s!
		Er ist so
		unbeständig,
		luftig und leicht, 
		wie stark jedoch schmerzt es,
		wenn er tötet.
		Und wir haben keine
		          Chance,
		denn er ist alles
		          für uns,
		          unser T o d
		und unser Glück,
		          unsere E w i g k e it


 
Bdin V
Für Vesi

Wir müssen
an gute Dinge,
an gute
und schöne Dinge
denken.
Manchmal
komme ich
der Zeit zuvor.
Manchmal
höre ich eine Stimme:
"Warte,
lass dir Zeit,
Ivan,
wenn 
die Fließgeschwindigkeit
die menschlichen Dimensionen
übersteigt,
ist sie gleich
Null."
Wahrscheinlich
neigen
jene, die Stress durchgemacht haben,
zu schlechten Gedanken.
Ich weiß nicht,
wie die Historiker
die Zeit
messen,
aber ich weiß,
wie man innerhalb einer Sekunde
um zwanzig Jahre
altert.
"Warte,
lass dir Zeit,
Ivan..."
Wir müssen
an gute Dinge
denken,
und ich weiß,
dass uns diese
passieren werden

Bdin - Müllhalde  1

Die Müllhalde in Bdin
hat die Eigenschaft,
dass sie niemals endet.
Seit wann gehe ich und gehe ich und gehe...
Sie ist Anfang und Ende,
ein unendlicher Erwartungshorizont.
Hier kann man alles sehen:
von Plastikteilchen
bis zu Ausschnitten aus alten Zeitungen,
unbenutzte Zugfahrkarten,
Fotos unbekannter Mädchen,
lädierte Spielzeugpferdchen,
Coca-Cola-Flaschen,
Lenin- und Stalin-Büsten,
gebrauchte Kondome,
zerbrochene und gebrochene Kreuze,
Bücher von Marco über Marx bis Márquez,
Halbmond bis Hammer und Sichel...
Manchmal treffe ich
auch andere Dichter,
aber diese sprechen fremde Sprachen
und gehören
fremden Literaturen an,
so dass wir nicht
Kontakt aufnehmen können.
Manchmal lege ich mich
in irgendeinen Karton
und fühle mich
wie ein Kind
im Mutterleib,
ich träume, dass ich fliege...
Manchmal ist die Müllhalde
warm und atmet.
Manchmal denke ich,
dass die Menschen hier
wie Zugvögel
leben –

von Nord nach Süd,
von Warm nach Kalt
und zurück.
So geht es für jeden
vierzig Jahre lang.
Ich rauche einen Stummel,
und es gibt keine Stelle,
wo ich ihn hinwerfen könnte.


 
Bdin - Der Park

Ich liebe es, spazieren zu gehen
und frische Luft zu atmen,
am frühen Abend, im Park,
inmitten von Pensionisten,
Verliebten
und Drogensüchtigen,
inmitten von jenen, die
keine Zukunft haben


 
Bdin VІ

Manchmal
bleibe ich
am frühen Abend
auf der Brücke stehen
und dein
Antlitz
erscheint mir
riesig
riesig
wie der Fluss
selbst


 
Bdin – Müllhalde  2

Manchmal treffe ich
auch andere Dichter,
doch jeder lebt
in seiner eigenen Zeit,
so dass wir nicht
Kontakt aufnehmen können.
Einmal traf ich einen Dichter
und wollte ihm erzählen,
wie ich während der R e n a i s s a n c e
oder auch während der W i e d e r g e b u r t leben würde...
Ich wollte ihm
von der Ähnlichkeit
des weiblichen Körpers und
der Coca-Cola-Flasche erzählen,
davon, wie mir eines Nachts
träumte, dass eine der
Karyatiden der Akropolis
sich löste und zu mir kam.
Als ich erwachte,
hatte ich eine Cola-Flasche umarmt.
Er aber sagte,
dass er im M i t t e l a l t e r lebe
und dass für ihn
die Frau eine Ausgeburt der Hölle sei,
und damit war unser Gespräch
beendet
* Wiedergeburt: Damit wird die Zeit zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1878 bezeichnet; der Sieg
Russlands 1878 im Russisch-Türkischen Krieg (1877/78) hatte für Bulgarien die Befreiung von der
osmanischen Herrschaft zur Folge..


 
Bdin - Der Balkon
Für At. Dalčev

Ich stand auf dem Balkon,
rauchte und erfreute mich
am Lärm der Straßenbahnen.
Mit einem Lächeln begegnete ich
den Menschen,
fütterte die Vögel
mit Brot vom Vortag.
In den Töpfen züchtete ich
schöne Blumen,
goss sie
mit Wasser des Lebens.
In meinem Herzen erhitzte ich
den heißen Stein,
aber als ich mich umwandte,
mir gegenüber
eine Mauer
 
Bdin VIІ
Für Pl. Tuškov

Unter seinem Regenmantel
erkennt er
Sommer Herbst Winter
nicht an
er verkauft Bücher
auf seinem Schiff
allein mitten in einem Ozean
aus Menschen,
doch sein Schiff –
eine Schreibmaschine –
heißt
selbstverständlich "Čechov"
Ich weiß nicht ist er
ein alter Hippie
oder ein Hüter
von Kirschgärten
Aber heute sah ich
dass Čechov selbst
ihm zuzwinkerte
und ihn fragte
ob er ein Buch von Tuškov
habe


 
Bdin – Geschichte des Lautes

chru chru chru
chry chry chry
chra chra chra
chre chre chre
chri chri chri
chri chri chri
chre chre chre
chra chra chra
chry chry chry
chru chru chru


 
Bdin VІІІ

tdiese heiligkeit
	diese heiligkeit
diese heiligkeit
	ergießt sich so
und ist so sehr rein und hell
	diese heiligkeit
diese heiligkeit
	diese heiligkeit
ergießt sich so
	und ist so sehr durchsichtig-kalt
           (wie ein hauch auf einer glasscheibe)
diese heiligkeit
	diese heiligkeit
diese heiligkeit
	tötet mich so
und ist so sehr lautlos und lautlos
	und lautlos
Bdin ІХ

                    "...ein Traum war, ein Traum war der stille Hof,
                    ein Traum waren die weißfarbnen Weichseln!"
Erinnerst du dich, erinnerst du dich...
Das Schreiben ist eine gute Medizin
gegen die Einsamkeit.
Du sprichst in das Dunkle,
als warte jemand auf dich.
Erinnerst du dich...
An jenem Abend
war es quälend...
Eine sehr lange und stumme Zeit
tropft
          Tropfen
                    um Tropfen
                              in den Kanal
Es war Regen oder Schnee
                              es war ein Hauch
                                                  an den Scheiben
Ich hörte
          damals lange
                              Albinoni,
quälend lange,
und da ich später begriff,
dass die Biologie stärker
                              als der Sinn ist,
stopfte ich mich mit Antibiotika voll.

Mir scheint,
dass ich schon tot bin,
                    aber ich erwachte...
Der Übergang ins Jenseits
ist so leicht –
eine Frage eines Lichtwinkels
          klicks und
meine Mutter mit blutig geschlagenen Lippen –
          mein Vater
klicks
mein Vater erschlägt meine Schwester
          klicks
          jetzt bin ich an der Reihe
          klicks
mein Vater – der Infarkt
Der Übergang ins Jenseits
ist so leicht
Manchmal denke ich –
wofür war
dies alles?
Erinnerst du dich?...


Das Motto "... ein Traum,..." ist ein Zitat aus Dimčo Debeljanovs Gedicht Erinnerst du dich, erinnerst du dich
an den stillen Hof. Debeljanov (1887-1916) zählt zu den symbolistischen Dichtern und verfasste elegische Lyrik.
 
Bdin X
Für P. K. Javorov
Das ewge Wasser schläft, das ufer-,
	              bodenlose Wasser,
es unsre schlaflos' Lider wird bezwingen,
wird küssen uns die nun verstummten Lippen.

Das ewge Wasser schläft, das boden-,
	              uferlose Wasser,
die müden Stirnen wird's umpeitschen,
es wird die bebend' Körper kosen sanft.

Das ur-ewige Wasser, all-ewges-
	              kristallnes Wasser,
so wie den Stein
es schmelzen lässt –
in Dampf verwandelt
es da dessen Engel

P. K. Javorov: Pejo Kračolov Javorov (1878-1914), Lyriker und Dramatiker, der anfangs in seinen Gedichten 
soziale und revolutionäre Themen aufgriff und sich später unter dem Einfluss französischer Dichter dem
Symbolismus zuwandte. Er gilt gemeinsam mit Penčo Slavejkov (s. Anm. zu Bdin - Die Bibliothek) als
Begründer der modernen bulgarischen Lyrik. 1913 versuchte er sich nach dem Suizid seiner Frau zu
erschießen. Dieser Versuch misslang jedoch und hatte zur Folge, dass Javorov erblindete. 1914 verübte er
Selbstmord, indem er zuerst Gift nahm und sich daraufhin erschoss. Das vorliegende Gedicht ist an Javorovs
Gedicht Nirvana angelehnt.
Bdin XІ

Liebste,
ich schreibe dir
aus einer Stadt,
von der ich dir nicht wünsche,
dass du sie besuchst.
Die Nacht hier
ist karmin-schwarz.
Wenn du jemanden
berührst,
verwandelt er sich sogleich
in Staub.
Übrigens
entsinne ich mich nicht,
dass es Tag geworden ist.
Ich spaziere
häufig durch die dreckigen
Straßen,
stumm und einsam,
mein Herz aber
schreit
in den kalten Herbst:
Luft! Mehr Luft!
Eigentlich
ist dies eine Stadt
für Verbannte.
Sonst
erweist sich
die beständige Unveränderlichkeit
als mein beständiges Merkmal.
Der Arzt sagte:
"Ich weiß nicht genau,
was für einen Menschen
besser ist:
sich in einem trüben Fluss
zu ertränken
oder sich vom Balkon
zu stürzen."
Noch immer bin ich
unheilbar krank
und fahre damit fort,
nachts
Stimmen zu hören.
Heute
hörte ich,
während
ich rauchte,
die Stimme einer anmutigen
Dichterin
(sprich:
einer klassischen Vase):
"Das hilft mir nicht weiter"
"Das hilft mir nicht weiter"
Aber, Fräulein,
würden Sie es wünschen,
meine Musik
zu hören...
"Dieser Chopin
ist so intim,
seine Seele muss
auferstehen,
nur für Freunde"
Das Licht
geht durch
mich hindurch
wie
durch ein
Kristallglas.
Ich putzte die Fenster,
schenkte auch den Tee ein...
Ich stehe hier
und warte auf dich, nutzlos,
erfüllt von Schweigen...
Ich würde gerne
die Seele Chopins
auferstehen lassen,
nur für dich...
Das hilft mir nicht weiter
Das hilft mir nicht weiter


 
Bdin XІІ
Für Evgenija Bojadžieva


Alles
erhält
später
einen Sinn
Später
erhalten
die Worte
die Begegnungen
die Gesichter
einen Sinn
Doch
wenn
ein Mensch
in den Himmel
erhoben wird
sieht er
seine ihm
Nahestehenden
und er
lächelt
und da
erhält
alles
einen Sinn
später
erhält
alles
einen Sinn 

 
Bdin – Volkslied I

1

Schau hin,
          der Zweig,
                    auf dem die Blüte sprießt,
                                        ist schwer geworden,
                              er neigt sich tief, um von dem Fluss zu trinken.
Und jetzt herrscht solche Stille,
          ja, und jetzt herrscht solche Stille,
          doch du bist nicht hier,
          ja, Ivan, ja,
          du bist nicht hier...

Schau hin,
          das Feld
                    hat längst schon Durst bekommen
                                        mit aufgerissnem Leib,
                              sich öffnet, um vom Himmelsnass zu trinken.
Und jetzt herrscht solche Stille,
          ja, und jetzt herrscht solche Stille,
          doch du bist nicht hier,
          ja, Ivan, ja,
          du bist nicht hier...

Schau hin,
          die bittren
                    Trauben
                                        sind ganz schwarz,
                              sie brechen ab und plumpsen auf die Erde.
Und jetzt herrscht solche Stille,
          ja, und jetzt herrscht solche Stille,
          doch du bist nicht hier,
          ja, Ivan, ja,
          du bist nicht hier...

Schau hin,
          der Purpurschnee,
                    den Fluss er zärtlich
                                        küsst, umarmt ihn,
                              grad so, als wär er warme Kleidung.
Und jetzt herrscht solche Stille,
          ja, und jetzt herrscht solche Stille,
          doch du bist nicht hier,
          ja, Ivan, ja,
          du bist nicht hier...

2.

Ich fiel, ach, Mutter,
ich bin tot schon,
entsinne
aber mich der Zeit, als
du nährtest mich mit
Milch
und Weichselblüte,
und Weichselblüte.
Und nun bin tot ich, Mutter,
bin gefallen,
möcht' Nägel krallen,
kratzen an die Wand doch:
"Die Musterschüler soll'n ihn blasen!!!"
Ich fiel, ach, Mutter,
ich bin tot schon,
mein Vater
nächtens
Elsterneier hat gesuchet,
auf Birken er drum klettert',
am Zug er sie zerschmettert',
am Zug er sie zerschmettert'
(man schloss ihn aus, oh Mutter,
aus der Organisation der Pioniere).
Und nun bin tot ich, Mutter,
bin gefallen,
möcht' Nägel krallen,
kratzen an die Wand doch:
"Die Musterschüler soll'n ihn blasen!!!"
Ich fiel, ach, Mutter,
ich bin tot schon,
entsinne
aber mich der Zeit, als
den Kopf ich wusch mir klug
und dann ihn auf mir schlug
an gelben Pflastersteinen,
ah, gelben Pflastersteinen...
Und nun bin tot ich, Mutter,
bin gefallen,
möcht' Nägel krallen,
kratzen an die Wand doch:
"Die Musterschüler soll'n ihn blasen!!!"

 
Bdin – Bananenrepublik

Wodurch kommt
die Bananenrepublik zum Ausdruck?
Die Bananen stehen hoch,
und die Affen – niedrig!
Die Affen stehen und warten.
Eine Banane löst sich und fällt!
Eine andere hingegen fällt nicht!
Und all dies
bei Minustemperaturen

 
Bdin XІІІ
Für Strachil S.
Leb wohl, mein Freund!
Auf dich wartet ein Kampf –
um die Wohnung,
in der du als Mieter
leben wirst,
um die Frau,
die dauernd untreu ist,
um die Zukunft,
die auf uns vergessen hat.
Ich bleibe.
Der Fluss
          mündet ins Meer,
das Meer
          mündet in den Ozean,
die Pfützen
          werden trüb und trocknen aus.
Die Köpfe hängen schwer durch Nachlässigkeit,
der Mund verwandelt sich in eine Grube,
einen bitteren Beigeschmack erhalten die Worte.
Unser Leben fließt dahin
wie eine sinnlose Orgie.
Dein Schiff wartet auf dich!
Leb wohl,
bis zum anderen Ufer


 
Bdin XІV
For John Lennon

                    "Wohin gehen wir, Jungs?"
                    "Auf den Gipfel, Johnny!"
                    "Und wo ist der, Jungs?"
                    "Vom höchsten Punkt – noch ein bisschen drüber."
                                        
                                        (Bdiner Volkslied)                                        

Jeden Tag,
wenn ich im Stadtviertel für Hoffnungslose,
das nicht zufällig "Hoffnung" heißt,
aus der Straßenbahn aussteige,
treffe ich John Lennon:
Guten Tag, Johnny!
Guten Tag, Sir!
Wie geht es dir, Johnny?
Danke, gut, Sir!
Immer mit diesem bleichen, englischen Gesicht,
immer mit dieser Brille und diesen Haaren –
John Lennon lebt im Stadtviertel "Hoffnung"
und verkauft Fahrräder.
Jeden Tag:
Guten Tag, Johnny!
Guten Tag, Sir!
Wie geht es dir, Johnny?
Danke, gut, Sir!
Ja, John,
hier besteht keine Gefahr,
dass irgendein Verrückter einfällt
und schießt
 
Bdin – Volkslied II

 
Refrain:
Werde fort jetzt gehen,
denn es wird schon dunkler
auf mich wartet keiner
an dem Orte nunmehr
Chor:
Erst eins nach vor, zwei zurück,
dies ist das Gesetze,
und nachher – zurück...
Vorsänger:
Wohl, lebt wohl, ihr
städtisch' Huren,
enge Köpfe
habt ihr, weite Vulven.
Wohl, lebt wohl, ihr
Marginalen,
und ihr blöden Säufer
aus Stadtrand-Arealen
 
Refrain:
Werde fort jetzt gehen,
denn es wird schon dunkler
auf mich wartet keiner
an dem Orte nunmehr
 
Chor:
Erst eins nach vor, zwei zurück,
dies ist das Gesetze,
und nachher – zurück...
Vorsänger:
Wohl, lebt wohl, ihr
Köter, hungrig, streunend
Pseudointellektuelle
Hirn wie Pflastersteine
Wohl, lebt wohl, ihr
Päderasten
von eurem Vater träumend
euch Mutter hat verlassen
Refrain:
Werde fort jetzt gehen,
denn es wird schon dunkler
auf mich wartet keiner
an dem Orte nunmehr
Chor:
Erst eins nach vor, zwei zurück,
dies ist das Gesetze,
und nachher – zurück...
Vorsänger:
Wohl, lebt wohl, ihr
"Kommunisten"
schmutzige Pläne
die Hintern sauber blitzen
Wohl, leb wohl, auch
dir, Zar voll Glück, ich dies jetzt sage,
leb wohl mit treuen Schranzen
bis ans Ende deiner Tage
Refrain:
Werde fort jetzt gehen,
geh zum Fluss hinunter
hier ist nunmehr keiner
denn es wird schon dunkler 

 
Bdin XV
Für Shindzhi Iwasaki

Du spazierst jetzt
wahrscheinlich,
die Hände
in den Taschen,
durch jene Stadt,
größer als
unser ganzer Staat,
und irgendwo inmitten
des Getöses von Metros
und Liften,
inmitten des Glanzes von Schaufenstern
und Werbung
verstummt
unsere Musik...
Wahrscheinlich bist auch du
einsam,
so wie früher,
wahrscheinlich bist auch du
ein Fremder
in deinem
eigenen Land...
Merkwürdig, wie ein Walkman
ein Loch
im Raum
sein kann,
und je
größer die Entfernung,
desto
bedeutungsloser ist dies.
Wir beide
lebten anonym,
lauschten unseren eigenen
Stimmen,
betrachteten unsere eigenen
Gesichter...

Ich stehe
jetzt im großen,
weißen Zimmer,
stumm und einsam,
erfüllt von Schweigen
und schreibe dir,
obwohl du
längst schon
dies alles weißt:
Vergebens
blinkt über uns,
mein Freund,
die riesige Axt
der Zeit.


 
Bdin ХVІ
Für Prof. Simeon Janev

Heute,
am 18. März,
war ein
sonniger
Frühlingstag.
Heute
brachte
niemand
jemanden um,
beleidigte
niemand
jemanden.
Ich betrat
die Kirche,
um ein wenig zu beten,
und hörte
die Stimmen
aller
Toten.
Es begann
aus den Augen
Gottes
zu regnen 
 
Bdin - Die Bibliothek

1.

Botev, Vazov, Javorov –
Klassik in 3 Min.
(Aufschrift, gelesen auf dem
Markt im Stadtteil "Hoffnung")

Mein Vater
erzählte
irgendwann,
wie der Bulgare
früher
Bücher gekauft haben soll.
Er maß
die Länge
des Regals ab
und kaufte
Klassik –
"nach Meter".
Heute
verkauft
derselbe
Bulgare
dieselbe
Klassik –
"nach Kilogramm".
Darauf
basiert
unsere Ankündigung
"eines neuen Goldenen Zeitalters
für unsere gemeinsame
Kultur"

2.

Oh, Großvater Vazov
oh, Papa Javorov
oh, Šipka
die Studentin
neben mir liest
und ich lese,
aber ich bemerke,
dass sie schwanger ist
Oh, Großvater und Vater
Slavejkov
oh, Insel der Seligen
die Studentin
neben mir liest
und ich lese,
aber ich bemerke,
dass ihr Bauch wächst
Oh, Valeri(e)
Paul, Petrov
oder auch Stefanov
dies hat keine Bedeutung,
sobald in ihrem Kopf
die Gedanken aufgehen,
so wie im Bauch
der Sinn

Botev: s. Anm. zu Bdin
Vazov: Ivan Vazov (1850-1921). Er verfasste Gedichte, Poeme, Erzählungen und Romane, sein bekanntester Roman ist Unter dem Joch, der den Kampf gegen die osmanische Fremdherrschaft zum Thema hat. Javorov: s. Anm. zu Bdin X
oh, Šipka: Šipka ist ein Pass im Balkangebirge. In diesem Gebiet wurden im Russisch-türkischen Krieg 1877/78 erbitterte Kämpfe ausgetragen. Bei "oh, Šipka" handelt es sich um ein Zitat aus Ivan Vazovs Poem Die Landwehrleute am Šipka-Pass aus seinem Zyklus Epopöe der Vergessenen.
Großvater und Vater Slavejkov: Darunter sind die beiden bulgarischen Dichter Petko Račev Slavejkov (1827-1895) und dessen Sohn Penčo Slavejkov (1866-1912) zu verstehen.
Insel der Seligen: Penčo Slavejkov verfasste die Gedichtsammlung Auf der Insel der Seligen, eine literarische Mystifikation, in der er die Biographien verschiedener Dichter und deren Gedichte publizierte.
Valeri Petrov: bulgarischer Schriftsteller (geb. 1920).
Valeri Stefanov: Professor für bulgarische Literaturgeschichte an der Sofioter Universität, Verfasser literaturwissenschaftlicher Werke sowie eines Romans.



 
Bdin ХVІІ
28.03.

Lieber Papa,
wahrscheinlich
schaust du von oben zu
und siehst,
wie ich mich
lächerlich machte
vor den Dummköpfen,
wie sie mich
in einem Käfig
mit der Aufschrift
"Frei"
auf den Marktplätzen vorführen,
wie ich eifrig
lerne,
goldene Münzen
für gelbe Stotinki
zu verkaufen...
Jetzt
fahre ich in der Straßenbahn,
die kalt ist wie
eine Gruft,
und ich fühle mich,
als hätte ich soeben
irgendein
Krankenhaus
verlassen...
Sei nicht traurig,
ich wollte dir nur
dies sagen.
 

 
Bdin – Volkslied ІІІ
(Lied vor der Abreise)

Liebste, ich bezahlte
mit Leber
und Milz
für das Gefühl von Freiheit.
"Dummkopf!"
würden
die Klugen sagen.
"Dummkopf!"
würden
die Weisen sagen.

Liebste, ich bezahlte
mit Leber
und Milz
für das Gefühl von Liebe.
"Dummkopf!"
würden
die Klugen sagen.
"Dummkopf!"
würden
die Weisen sagen.

Aber dieses Gefühl
ist es wert...
Aber dieses Gefühl
ist es wert  


 
Bdin ХІХ

Schlammige Landschaft
Schnee
Weichselblüte
Schnee
Weichselblüte
Schnee
Das Todesstreben
der Selbstzerstörungstrieb
Wahrscheinlich müssen
auch wir das
umbringen,
was wir waren,
um das entstehen zu lassen,
was wir nicht sind...
Wahrscheinlich
ist das gegenseitige
Unverständnis
ein Anlass für "die Revolution"...

Werde fort jetzt gehen.
Hinter mir bleiben
grau gewordene Gesichter
von Gebäuden
und Menschen
mit grau gewordenen Fassaden zurück.
Irgendwo dort,
inmitten der asiatischen
groben Hände verstummt
das arme, zarte
Herz
von Beca —
einer ehemaligen
Geschichte-Studentin.

Und da ist auch der Fluss.
Von dort dringen
die Stimmen
unverstandener
Dichter:
Von jenem,
dem man ins Herz geschossen hatte,
von jenem,
der das tödliche Gift ausgetrunken hatte,
von jenem,
der, obwohl einäugig,
dennoch erdrosselt wurde...
"Onanisten!!!"
wird das Fräulein
links sagen.
"Nein! Kommunisten!!!"
wird der Herr
rechts sagen.
Werde fort jetzt
gehen
von hier!

Wohl, lebt wohl!!!
	Blubb blubb!!!
		Blubb blubb!!!
			Blubb blubb
Beca: Figur aus dem Gedicht Dokumentarische Erzählung über die Wojwodin Beca, wie sie einen schwarzen
Mohren im Zweikampf besiegte, sowohl zu Ehren der 1300 als auch zur Harmoniumbegleitung von
Konstantin Pavlov (geb. 1933). dem man ins Herz geschossen hatte: Damit ist Christo Botev gemeint.
(s. Anm. zu Bdin) der das tödliche Gift ausgetrunken hatte: Darunter ist Pejo Javorov zu verstehen. (s. Anm
 zu Bdin X) obwohl einäugig, dennoch erdrosselt wurde: Es handelt sich dabei um den expressionistischen
Dichter Geo Milev (1895-1925), der im 1. Weltkrieg ein Auge verlor. 1925 wurde er wegen seines Poems
September zu einer Haftstrafe verurteilt, gleich darauf verschleppt und ermordet.
 
dt.Ü.: Elisabeth Messner, alle Rechte vorbehalten


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